REAL CRIME – Tour

Freitag, den 10. Oktober 2014
13:00 bis 18.00
Sammelpunkt: Busparkspur vor dem Künstlerhaus, Karlsplatz 5

mit

Michael Zinganel Kulturwissenschafter, Künstler und Architekturtheoretiker, u. a. Autor des Buches Real Crime. Architektur Stadt und Verbrechen
Max Edelbacher ehemals Leiter der Kriminalpolizei Wien-Süd, bis 2001 Vorstand des Wiener Sicherheitsbüros, u. a. Co-Autor der Wiener Kriminalchronik Tatort Wien

 

Anmeldungen bei

derive – Verein fuer Stadtforschung
Mayergasse 5/12
A-1020 Wien
T: 0043 (0)1 – 9463521
M: 0043 (0)699 1 291 46 11

 

Stadtgeschichtlicher Hintergrund
der REAL CRIME Bustours

Crime does not pay! Falsch, schreibt Karl Marx in seinen Bemerkungen über die Produktivkraft des Verbrechens. Denn ihm zufolge produziert ‚der Verbrecher’ nicht nur das Verbrechen selbst, sondern auch alle Formen der Kriminalberichterstattung, in den schönen Künsten, in der Wissenschaft und in den Massenmedien, die Strafjustiz und nicht zuletzt alle gegen das Verbrechen gerichteten Maßnahmen. Die Angst vor dem Anderen, dem Fremden, dem realen oder auch nur imaginierten Verbrechen bildet sich in unzähligen präventiven sicherheitstechnischen, architektonischen und städtebaulichen Maßnahmen ab: in Fortifikationsanlagen gegen die Feinde von außen und in Kontrollarchitekturen gegen die Feinde von innen. Das Verbrechen – so Marx – ist dabei produktiver als so manch anständiges Gewerbe.

Auch im vergleichsweise sehr sicheren Wien, das sich dieser Sicherheit als zentralem sanften Standortfaktor rühmen kann, lassen sich bis heute historische militärstrategische und soziale Demarkationslinien entweder direkt ablesen, oder zumindest rekonstruieren: die bekanntesten dieser Grenzlinien sind die Ringstrasse und der Gürtel, beide früher Fortifikationsanlagen gegen die Feinde von außen, aber auch Steuergrenzen, und daher soziale Grenzen zwischen mehr oder weniger wohlhabenden Schichten. Ab 1858 wurden aus der inneren Grenzlinie der Prachtboulevard des Bürgertums und ab 1921 aus der äußeren der Prachtboulevard des Proletariats. Die neue Ringstrasse wurde aber gleichzeitig auch als Aufmarschzone der staatlichen Sicherheitsorgane konzipiert, zuerst als Prävention gegen revolutionäre Bürger, die sich wieder gegen den Kaiser erheben könnten, dann gegen die „gefährlichen Klassen“ aus der Vorstadt, die nun auch das Bürgertum fürchtete.

Auch wenn die soziale Durchmischung der Wiener Bezirke im Vergleich zu anderen Städten dieser Größenordnung auffallend hoch ist, und auch wenn Ring und Gürtel heute in erster Linie wichtige Verkehrsachsen darstellen, die ebenso verbindend wirken wie trennend, so haben sich diese Straßenzüge als imaginäre soziale Grenzen in den Köpfen der Wiener und Wienerinnen tief eingeschrieben, sie scheinen sich im mentalen Plan der Stadt äußerst hartnäckig zu halten.

In Wien lassen sich aber auch bemerkenswerte Beiträge zum aktuellen Sicherheitsdiskurs finden: so wurden 1998/99 in Folge einer Serie von Gewaltverbrechen in einem fordistischen Massenwohnungsbau der Nachkriegszeit erste Überlegungen zu Verbesserung der Sicherheit im Wohnungsbau und im öffentlichen Raum angestellt. Während sich die Massenmedien und die Polizei direkt auf die Diskurse über amerikanische und französische Ghettos bezogen, beriefen sich feministische Stadtplanerinnen auf holländische und skandinavische Vorbilder.
Die Thesen der neuen Kontrollstrategien, die wiederum aus denselben US-amerikanischen Diskursen stammten, konnten dann in kleinen Maßstäben auch umgesetzt werden: auf den Prinzipien der verbesserten sozialen Kontrolle durch Erhöhung der sozialen Dichte bei gleichzeitiger Übersicht und Einsehbarkeit, durch entsprechende Gestaltung und Beleuchtung usf. setzt beispielsweise die Neugestaltung des Gürtels und des St. Johanna Parks am Gürtel.
Interessant dabei ist, dass die Angst gerade deshalb so schnell produktiv gemacht werden konnte, weil die involvierten Orte, der Gürtel und das Massenwohnquartier am Wienerberg aus der Sicht des Bürgertums immer schon als No Go Areas diabolisiert wurden, ob von Literaten wie beispielsweise Stefan Zweig, oder von Volksbildnern wie Hermann Drawe, der 1904 in Form populärer Diavorträge in der Urania seinem bürgerlichen Wiener Publikum Führungen „durch die Wiener Quartiere des Elends und Verbrechens“ anbot: die einschlägigen Orte waren demnach bereits damals der Gürtel, die Praterauen, die Unterwelt des Kanalsystems und die Ziegelöfen am Wienerberg, genau dort wo heute die großen Wohnanlagen der Nachkriegszeit stehen.

Ein weiteres inhaltlich relevantes Anfahrtsziel neben der Ringstrasse, dem Gürtel und dem Olaf-Palme-Hof ist der Millenium-Tower. Als Beispiel, wie in einem typischen großformatigen Investorenprojekt, einem zeitgemäßen Mixed Use Development aus Shopping Mall, Kino-Center und Büroturm, smarte moderne Kontrolltechnologien zur Ein- und Ausgrenzung erwünschter oder unerwünschter Subjekte eingesetzt werden, so wohl dosiert, dass der Spaß am Konsumerlebnis weder durch die Präsenz von martialischen Sicherheitstruppen noch durch die von Armut beeinträchtigt wird.

Route

An den Strecken liegen je nach definitiver Routenwahl weitere diskutierenswerte Objekte, die hier nur kurz stichwortartig aufgelistet sind:

– Burgtheater: Ort künstlerischer Repräsentationen des Verbrechens (aber auch realer Tatort eines Mordes)
– Mölkerbastei: aus Anlass eines Mordes im Jahre 1861 wird sofort ein Volkslied komponiert
– ehemaliges OPEC-Gebäude am Karl Lueger Ring: Attentat durch Carlos, internationaler Terrorismus in Wien (Hinweis auf andere Attentate, auf jüdische Auswanderer, auf den Flughafen Schwechat)
– Hauptgebäude der Universität: Mord an Moritz Schlick (1936)
– Rossauerkaserne, militärstrategische Anlage, in der Ringstrassenkonzeption als Defensivmaßnahme gegen Revolutionäre Bürger und gefährliche Klassen
– Sicherheitsbüro, Berggasse
– Votivkirche: Denkmal an das Attentat auf Kaiser Franz Josef I
– Landesgericht mit Landesgefangenenhaus
– Brand des Justizpalastes
– Karlsplatz, Drogenszene, Angstraum, Abgang zu den Führungen „Auf den Spuren des Dritten Mannes“, Kanalsystem
– Eventuell Bahnhof Wien Mitte, lt. Bürgermeister Häupl, ein Ratzenstadl, der weg muss.
– Urania, bürgerliche Bildungsstätte, 1904-08 Diavortrag von Helmut Drawe: Führungen durch die Wiener Quartiere des Elends und Verbrechens – 300 Mal (!)
– Praterstern/Mexikoplatz: Attraktivität städtischer Unordnung, aber auch Angstraum
– Einsturz der Reichsbrücke durch Zementdiebstahl
– Milleniums-Tower, Mixed Use Development, sicher die schickste Zugangskontrolle in Wien
– Stuwer Viertel / Prater / Stadiongasse, Verkehrsberuhigung gegen Straßenprostitution
– Stadion: in nur 6 Minuten zu entleeren, in England Ausgangspunkt der Videoüberwachung (Zwischenlager für jüdische Männer in der Nazizeit)
– Praterauen
– Per-Albin-Hanson Siedlung West, Olof Palme Hof: Mädchenmorde mit Folgen (1988/98), Kriminalpolizeilicher Beratungsdienst, Selbstverteidigungskurse für Frauen, Überlegungen zur Grünraumgestaltung und sozialen Kontrolle, CPTED beginnt durch das Forschungsprojekt des Frauenreferates der Stadt Wien
– Ziegelöfen am Wiener Berg: Elendsquartiere des 19. Jahrhundert (Wie sie auch Drawe in seinem Diavortrag in der Urania zeigt)
– Spinnerin am Kreuz: 1868 letzte öffentliche Hinrichtung als populärkulturelles Massenereignis
– Gemeindebau Siebenbrunnenfeldgasse, Polizei statt Mutterberatungsstelle
– Meidling: Heimat des Einbrecherkönigs Schani Breitwieser
– St. Johann(a) Park: Realisierung nach den Richtlinien die im Forschungsprojekt erarbeitet wurden, Transparenz und Empowerment
– Westbahnhof: Service, Sicherheit Sauberkeit
– Abstecher hinter die Stadthalle: Neue Quartiere zur Verdrängung und oder Domestizierung gefährlicher Klassen. Neu-Lerchenfeld
– Gürtelkonzeption Silja Tillner

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